30 Jahre COMES

In den letzten 30 Jahren konnten wir als freier Träger viel erreichen. Das möchten wir mit allen teilen, die unseren Weg bis heute vertrauensvoll begleitet haben.

Im 30. Jahr unseres Bestehens beschäftigt uns und die Menschen, die wir unterstützen, die bislang umfassendste Teilhabe-Barriere aufgrund der zum Schutz vor schwerwiegenden Erkrankungen nötigen sozialen Distanz. Die Pandemie mit ihren Begleitumständen prägt auch gegenwärtig noch alle Bereiche des Alltags in unserer Leistungserbringung wie ein Unschärfe-Filter auf dem Objektiv des Fotoapparates. Jegliches Motiv bleibt unscharf.

Gemeinsam mit den Menschen, die wir unterstützen, verstehen wir das als Herausforderung, unter diesen Bedingungen Wege der Teilhabe zu finden und zu beschreiten. Man kann die Pandemie als ein Brennglas betrachten. Hierin wird deutlich, was wir bei COMES seit unseren Anfängen im Blick haben: Wie gelingt es gemeinsam, die zahlreichen Barrieren, die in der Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und ihrer Umwelt die eigentliche Behinderung bilden, abzubauen? Dafür haben wir uns in den letzten drei Jahrzehnten mit Leidenschaft in Partnerschaftlichkeit, Respekt, Wertschätzung und Achtung vor individuellen Lebensentwürfen geübt.

Wir begleiten Menschen. Der Mensch, den wir begleiten, steht für uns im Mittelpunkt. Das erlaubt keine Überheblichkeit, kein Besserwissen, keine Fremdbestimmung oder Missachtung. Die Fähigkeit, gemeinsam mit Klient:innen einen Weg entstehen zu lassen, der alleine durch uns so nie hätte gefunden werden können, zeichnet die Fachkräfte bei COMES aus. Viele bewegende, gewichtige und überraschende Lebenserfahrungen haben Klient:innen wie Fachkräfte gemacht. Das ist gemeinsam gestaltete und erlebte Teilhabe. Menschen lernen Menschen im Miteinander des täglichen Lebens kennen, entdecken die Grenzen wie die Potentiale des gemeinsamen Gestaltens. Wir sind dankbar für diese Lebensrealität gegenseitiger menschlicher Achtung, Aufmerksamkeit und Zuwendung.

Wir sind überzeugt, dass auf diese Weise Menschen mit Lernschwierigkeiten, mit seelischer Behinderung wie auch Eltern und ihre Kinder und letztlich wir alle gleichermaßen selbstbestimmt teilhaben können. Teilhaben an einer gesellschaftlichen Realität unterschiedlichster Menschen. Inklusion entsteht aus unserer Sicht sowohl im gesellschaftlichen Leben als auch im Arbeitsalltag durch das unvoreingenommene gemeinsame Miteinander von Menschen mit Beeinträchtigungen und Fachkräften. Diesem Leitziel des BTHGs möchten wir uns als sozialer Träger weiter mit großem Engagement widmen.

Ein Rück- und Ausblick

Kurz nach der Wiedervereinigung im Jahr 1992: Eine kleine Gruppe engagierter Verfechter der Enthospitalisierung, selbst tätig in kommunalen Heimen und Gesundheitsdiensten im damaligen Bezirk Berlin-Hohenschönhausen, schließt sich zu einem Verein zusammen und gibt sich den Namen Lebensbrücke. Mit dem Motto: „Unsere Brücke hat ein sicheres Geländer“ beginnt die Gruppe damit, „Betreutes Wohnen für Menschen mit geistiger und seelischer Behinderung“ aufzubauen. 

Es entwickelt sich eine Erfolgsgeschichte. Die WG 1, gegründet als Außenstelle des Heims Malchow, übergeht 1994 in die Trägerschaft des Vereins. Hier wird es vier Bewohner:innen aus dem damaligen Heim ermöglicht, in eine ambulante Betreuungsform umzuziehen. Es folgen noch im selben Jahr drei weitere Wohngemeinschaften, so dass Lebensbrücke bereits 1994 zwei WGs für Menschen mit geistiger Behinderung, heute nutzen wir den Begriff Menschen mit Lernschwierigkeiten, und 2 WGs für Menschen mit seelischer Behinderung vorhalten kann. 

1998 werden die ersten Plätze im Betreuten Einzelwohnen angeboten. Schon zwei Jahre später wird der erste BEW-Treffpunkt angemietet und erhält den Namen GECKO – der Grundstein für das heutige tagesstrukturierende Gruppenangebot im Treffpunkt GECKO. Dieses Angebot entwickelte sich schnell neben der Einzelbetreuung zu einem wichtigen Anlaufpunkt für viele Klient:innen von COMES. Nach wenigen Jahren reicht das Platzangebot in der Konrad-Wolf-Str. 13 nicht mehr, so dass der Treffpunkt in geeignetere Räumlichkeiten im Hohenschönhausener Tor zieht. Auch die Anzahl der BEW-Teams mit eigenen Treffpunkten entwickelt sich schnell.  

2004 schließlich wird eine Umbenennung von Lebensbrücke nötig. Zu groß sind die Verwechslungsgefahr mit anderen Angeboten. Nach einem intensiven Austauschprozess wird es der Name COMES, lat. für Begleiter bzw. Begleiterin. 

Eine ähnliche Entwicklung vollzieht sich im Betreuungsangebot für Menschen mit seelischer Behinderung. Den Bedarfen der leistungsberechtigten Personen folgend wird aus dem Bereich Therapeutische Wohngemeinschaften eine Betreuung im Verbund, die seit 2010 zusätzlich die Betreuung in der eigenen Wohnung ermöglicht. Mit den Räumlichkeiten in der Zuckerfabrik eröffnet 2014 auch der Therapeutische Wohnverbund einen Treffpunkt, der sich ebenso großer Beliebtheit erfreut. 

2007 stellt einen weiteren wichtigen Entwicklungsschritt dar. Wie so häufig bei COMES folgte auch diese Entwicklung auf Anfrage der Klient:innen und auf Anregung aus Gesprächen mit Kolleg:innen verschiedener bezirklicher Dienste. Eltern mit Lernschwierigkeiten erkundigten sich wiederholt danach, ob COMES die Begleitung im Rahmen der Eingliederungshilfe nicht durch Angebote der Jugendhilfe ergänzen könnte. In diesem Zuge entwickelten engagierten Kolleg:innen ein Konzept und COMES wurde zum ausgewiesenen Träger der Jugendhilfe nach SGB VIII. Aus einem BEW-Team mit dem Schwerpunkt Eltern mit Lernschwierigkeiten und Kind entwickelte sich schließlich 2010 das Geschäftsfeld Begleitete Elternschaft.

In Hilfekonferenzen und Gesprächen, intern wie extern, wurde ersichtlich, dass ein Betreuungsangebot zwischen den Leistungstypen BEW und BWG fehlt. Schließlich gab ein Gespräch mit dem Sozialpsychiatrischen Dienst den Anstoß, das Intensive BEW bei COMES in einer eigenen Immobilie zu entwickeln. Mit der Entwicklung auf dem Berliner Immobilienmarkt heute kaum noch vorstellbar, gelang es COMES ein geeignetes Objekt zu erwerben und nach Umbau im Jahr 2014 zu eröffnen. Heute bietet das Haus in der Gehrenseestraße Platz für 13 Menschen mit Lernschwierigkeiten auf dem Weg der Verselbständigung.  

In den Folgejahren werden der Platzzahl folgend weitere Teams gebildet und Treffpunkte angemietet. Zugleich passten wir interne Strukturen immer wieder erfolgreich auf die neuen Gegebenheiten hin an. So ändert sich schon nach wenigen Jahren der Personenkreis. Es stehen nicht mehr einzig Menschen aus Wohnheimen im Fokus. Immer häufiger kommen Anfragen von Menschen, die vielleicht zu Hause ausziehen wollen und eine Begleitung benötigen oder die bereits in einer eigenen Wohnung leben und einen punktuellen Unterstützungsbedarf haben, um gleichberechtigt an der Gemeinschaft teilhaben zu können. Seit nunmehr einigen Jahren beschäftigen wir uns mit den Entwicklungen, die sich im Bundesteilhabegesetz abbilden. Wie ist es, wenn ich mit anderen Menschen zusammenwohnen, aber nicht in einer Betreuten Wohngemeinschaft leben möchte? Vielleicht bietet das seit 2019 bestehende Projekt GeWin – Gemeinschaftliches Wohnen inklusiv – einen geeigneten Ort? Für eine andere Frage befinden wir uns noch auf dem Weg: Wie geht selbstbestimmtes Wohnen, das von Anfang an durch die leistungsberechtigten Personen selbst nach ihren Vorstellungen erarbeitet wird? Diese Gruppe gibt es bei COMES und die Beteiligten werden sicher zu einem spannenden Ergebnis kommen. 

Dabei empfinden wir unser Leitbild bis heute als passend: Wir verstehen uns als Partner:innen der von uns begleiteten Menschen. Sie bestimmen ihr Leben selbst. Wir unterstützen sie dabei.  

Unser professionelles Selbstverständnis beschreiben wir mit „Kontakt und Lernen“ – mit unseren Partner:innen in lebendigen Kontakt treten und gemeinsam mit ihnen lernen, wie Entwicklung möglich ist. 

Dabei strahlt es sicher aus, dass wir mit flachen Hierarchien arbeiten, über den ganzen Träger hin sowohl die fachliche wie auch die wirtschaftlich-organisatorische Professionalität und wertschätzende Kommunikation pflegen, dass wir verschiedenste Funktionen bei Mitarbeitenden ansiedeln, um uns im Abgleich mit der täglichen Arbeitsrealität weiterzuentwickeln.  

Und dies auch gern die nächsten 30 Jahre! Dabei hoffen wir auch künftig auf das Vertrauen in unsere Arbeit und einen regen und konstruktiven Austausch mit den begleiteten Menschen und Familien, Angehörigen, rechtlichen Betreuer:innen, Kolleg:innen bei anderen Leistungserbringern, Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaften, unserem Dachverband, dem Paritätischen und in hohem Maße den Kolleg:innen in den bezirklichen Diensten Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf, Pankow und Friedrichshain-Kreuzberg sowie beim Berliner Senat. 

We are Family

I got all my sisters with me… „Ihr seid doch Familie“, sagen einige der Klient:innen wieder und wieder. Deswegen zählen wir anders. Deswegen können wir uns nicht anstecken mit Covid 19. Oder gerade deswegen? Oder vollkommen unabhängig davon? Da gehen die Einschätzungen und Meinungen zwischen uns Bezugsbetreuer:innen und den Klient:innen weit auseinander. Eines ist jedoch unbestreitbar zutreffend: Wir sind alle gleichermaßen betroffen. Wie in einer richtigen Familie. Fragt sich bloß, was eine „richtige“ Familie ist. Und wie eine „falsche“ Familie zu definieren wäre. Was die richtige Familie zur falschen macht, was die falsche Familie zur richtigen macht.

Die Klient:innen wurden mehrfach gefragt, was sie genau damit meinen und sagen wollen, wenn sie uns als Familie bezeichnen. Wenig überraschend haben wir keine Antwort darauf bekommen. Sicher, wir verbringen in einer betreuten Wohngemeinschaft viel Zeit miteinander. Teilen Alltägliches wie Einkäufe, Arztbesuche, kulturelle Veranstaltungen, Renovier-Aktionen u.v.m. Dafür werden wir als Bezugsbetreuer:innen bezahlt. Die Gewichtung für die Verantwortung ist dabei sehr unterschiedlich. Die einen nehmen Hilfe und Unterstützung in Anspruch, die anderen gewähren sie. Professionelle, bezahlte Beziehungen. Unsere Klient:innen sollen auf keinen Fall überfrachtet werden von und mit unseren persönlichen Interessen. Oder ausgenutzt. Oder überfordert. Wir sind dafür da, ihnen die Teilhabe am Leben (besser) zu ermöglichen – ihren Wünschen entsprechend, sofern es sich einrichten lässt. Und wir das sowohl können als auch wollen. So weit, so gut. Sieht einfach aus, kann eigentlich jede:r. Oder eben gerade nicht.

Wir sind Menschen. Alle. Angenommen, unsere Kernarbeitszeit in der WG läge zwischen 11 und 17 Uhr. Dann gibt es eine Zeit davor und eine Zeit danach. Was passiert in dieser Zeit? Endet unser Auftrag schlagartig beim Verlassen der Wohngemeinschaft? Können die Klient:innen ihre persönlichen Bedürfnisse per Knopfdruck ein- und ausblenden? Wie gestaltet sich ihr soziales Umfeld – auch und besonders außerhalb der WG? Gibt es ein solches Umfeld? Oder konzentriert sich alles innerhalb der WG auf Bezugsbetreuer:innen und Mitbewohner:innen? Und wenn das so wäre, dürften wir dann überhaupt nach Hause gehen?

Oder sind wir vielleicht schon längst da in den Zeiträumen, in denen wir nicht körperlich anwesend sind?

„Meine“ Klient:innen haben sich bereits zahlreich in mein Leben eingemischt. Nehmen wir zunächst „Herrn Pasta“. Echte Namen sollen an dieser Stelle keinesfalls benannt werden, wir möchten alle anonym bleiben. Herr Pasta könnte vom Alter her, rein rechnerisch, mein Sohn sein. Er hat auch tatsächlich das Zeug dazu. Mit seiner einseitigen Vorliebe für Nudelgerichte mit zwei verschiedenen Saucenvarianten – Bolognese und Carbonara – hat er sich seinen geheimen Spitznamen hart erarbeitet. An sechs von sieben Tagen bereitet er sich Nudeln zu. Meine Hinweise zu ausgewogener Ernährung versanden regelmäßig. Herr Pasta und ich haben in gut sechs Jahren „Arbeitsbeziehung“ vieles miteinander erlebt. Bei einigen Begleitterminen war ich seine Mutti. Bei anderen seine Freundin. Bei wieder anderen seine Bekannte. Manche haben verstanden, dass ich seine Bezugsbetreuerin bin. Der Knaller war der Zahnarzt, der zu ihm sagte: „So lange ihre Frau dabei ist, brauchen sie sich nicht zu fürchten.“ Eine zwanzig Jahre ältere Gattin, er ist zu bemitleiden. Protestieren konnte er auch nicht mit weit aufgesperrtem Mund. Das Interessante daran: Jede dieser Art von persönlicher Beziehung von uns beiden wurde von Außenstehenden für möglich erachtet. Heißt das nicht im Umkehrschluss, unser Kontakt ist längst so eng geworden, so vertraut, so „intim“, dass wir all das füreinander und miteinander sein könnten bzw. ein Stück weit sind? Wir lachen beide viel darüber. Gehen offen damit um. Erzählen es gerne. Was bleibt uns anderes übrig? „Es“ lässt sich nicht ohne weiteres abstellen. Die Beziehung endet eben nicht einfach so nach Dienstschluss. Ich erlebe es in Italien, wo ich mit meinem italienischen Freund speise und jedes Mal, wenn er mir Spaghetti serviert, sitzt Herr Pasta mit am Tisch. Schon denke ich: „Ach, das wäre ja mal eine alternative Sauce für Herrn Pasta, die muss ich mit ihm zubereiten.“ Oder: „Ob ich ihn mal zu Risotto überreden kann?“

Je nach Situation und Lebenslage gesellen sich andere Klient:innen dazu. „Frau Pyjama“ zieht sich endlich mal was Vernünftiges an. An den Strand mit Pyjama ist selbst für sie undenkbar. „Schatzi“ hockt sich in den Schatten und bewegt sich nicht mehr, da er bereits nach 2 bis drei Minuten Sonnenbrand hat – mit oder ohne Lichtschutzfaktor 30. Die „Shoppingqueen“ konsumiert Cappuccini, bis sich ihr Herz in die Lüfte erhoben hat. Inzwischen wohnt „Nico Fragolo“ im Garten, die Erdbeerpflanze eines viel zu früh verstorbenen Klienten. Es fühlt sich an wie ein Familienfest im Inneren.

Die Vernunft hat ausgedient – oder? Wo ist sie bloß hin, die professionelle Distanz, die stets als unabdingbar und absolut wichtig gepriesen wird? Was soll ich antworten, wenn mich Klient:innen nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub anstrahlen: „Hast du mich vermisst?“ „Ach nee, du, wir haben eine Arbeitsbeziehung, das weißt du doch.“

Die Klient:innen erinnern mich an so vieles aus meinem eigenen Leben. Früher, als ich klein war, wurde mein Kindergeburtstag im großen, familiären Rahmen gefeiert. Um den Wohnzimmertisch saßen viele Erwachsene. Parallel dazu wuchs meine Stofftierfamilie jedes Jahr. Heute sitzen all diejenigen, die nicht bereits tot sind, in der Regel an ihrem eigenen Tisch – mal allein, mal mit anderen, neuen Familienmitgliedern. Die Entfernung zwischen den Tischen kann 5 km betragen oder 50 km oder 500 km. Es spielt keine Rolle. Alle bleiben sitzen. Bei „Nico Fragolo“ hat meines Wissens fast niemand mehr aus seiner Herkunftsfamilie angerufen und zum Geburtstag gratuliert. Sofern ich es beurteilen kann, hatte er aufgegeben. Andere Klient:innen sehe ich tagtäglich ringen. Kaum werden sie kontaktiert, sind sie zur Stelle. Beschenken Eltern, Großeltern, Geschwister, Cousins, Tanten usw., verleihen das Geld, das sie eigentlich nicht haben, helfen denen bei Einkäufen oder Umzügen, statt ihre wichtigen Arzttermine einzuhalten und sitzen am Ende mit hängendem Kopf in der WG. Wieder andere Klient:innen erzählen, wie sie eingesperrt wurden, übersehen, vernachlässigt, missverstanden, gehauen oder allein bzw. links liegen gelassen. Mal fließen dabei die Tränen, manchmal wird gelacht.

Wir halten das aus. Wir sind da und wir bleiben da. Besonders für diese Klient:innen. Einige haben interessierte Eltern und Verwandte, die liebevoll mit ihnen umgehen, sich kümmern und die Beziehungen halten bzw. gestalten. Die schaffen es häufig nicht, immer zur Stelle zu sein – verständlich. Zumal Klient:innen nicht unbedingt auf Dauer von der Unterstützung ihrer Herkunftsfamilie abhängen wollen. Verständlich. Auch da kommen wir ins Spiel. Beraten mitunter alle beteiligten Personen. Versuchen, Verhaltensmuster und deren Konsequenzen zu beschreiben, Alternativen aufzuzeigen, zu ermutigen und zu trösten. Wir nehmen ständig neue Perspektiven ein. Wir kreieren ein Sowohl-Als-Auch als Gegengewicht zu dem weit verbreiteten Entweder: Oder. Wir tun (fast) alles, damit sich jede:r verstanden, abgeholt und unterstützt fühlt. Müssen aufpassen, nicht so viel stellvertretende Verantwortung zu übernehmen, dass die Waage plötzlich 50 kg mehr Körpergewicht anzeigt. Stellvertretendes Atmen wurde noch nicht erfunden – einschlägige Beatmungsmaschinen ausgenommen.

Einige Klient:innen scheinen (sich) aufgegeben zu haben. Sie haben schon lange keine Vorstellung mehr davon, was ihnen das Leben Gutes präsentieren könnte, weil ihr persönlicher Rückblick mit seiner Schwere alles Mögliche erstickt. Fatalerweise bleiben sie bei ihrem Leid, das sind sie gewohnt, das verteidigen sie, das ist überschaubar. Sie so anzunehmen, ohne tief betrübt neben ihnen zu sitzen und gemeinsam abzusinken, gehört zu den schwierigsten Aufgaben. Sie andauernd dafür zu beurteilen oder zu kritisieren, hat wenig Sinn. Häufig bleibt sogar das Aufzeigen von positiveren Lebensformen wirkungslos oder lässt die Klient:innen sogar aggressiv werden. Als würden sie ihr Leid um jeden Preis verteidigen wollen. Also schauen wir, wo wir gekonnt mit der Sprühdose – Farbnummer „Bunt“ – ansetzen können. Winken mit selbst gebackenen Keksen, ziehen uns während unserer Dienstzeit unsere eigenen Pyjamas an, tauchen zusammen unsere Füße in den Pool auf dem Balkon der WG und lachen uns kringelig, wann immer wir dafür genügend viele Gründe und Anlässe finden können. Mit schier endloser Geduld argumentieren wir für sinnvolle Veränderungen.

Ein kluger Arzt meinte: „Jeder Mensch hat das Recht darauf, sich in der Welt willkommen zu fühlen.“ Daran arbeiten wir. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und jede Sekunde. Für unsere Klient:innen wie auch für uns selbst. Vielleicht nicht immer in vollem Bewusstsein, aber fast immer engagiert – jede:r auf seine bzw. ihre Art. Somit ist unsere Arbeit unbezahlbar. Wie sollte die Währung aussehen für echte tiefe Zuneigung und Wertschätzung sowie Respekt? Wer könnte oder sollte dafür wie viel bezahlen? In letzter Konsequenz sitzen wir allesamt im gleichen Boot – Klient:innen, Bezugsbetreuer:innen, Verwandte, andere Helfer:innen und sämtliche Menschen darum herum. Am schönsten wäre es, wenn wir alle so viel Wohlwollen und Interesse füreinander aufbrächten, dass alle sein könnten und versorgt wären – ganz ohne bezahlte emotionale Dienste. Weil „WE ARE FAMILY“.